Burgdorfer StadtMAGAZIN Nr. 02 - Sommer 2026

26 Tageszeit. Eine unvollständig gemalte Figur zeigt vielleicht gerade deshalb etwas Wahrhaftiges. Es geht um Zeit, um Erinnerung und um das Sehen selbst. Die Sehnsucht nach Konzentration Vielleicht ist der Aufenthalt in Genua für Selina Lutz vor allem eines: ein selten gewordener Freiraum. Zum ersten Mal wird sie mehrere Monate ausschliesslich für ihre Kunst zur Verfügung haben. Weniger organisatorische Verpflichtungen, weniger Nebenjobs, weniger Ablenkung. «Routine of my dreams», sagt sie lachend. Im Atelier arbeiten, Streifzüge machen, zurückkehren und weitermachen. Ihre Sehnsucht gilt dabei nicht der Isolation, sondern der Konzentration. Dem Zustand, in dem Bilder entstehen können, bevor sie erklärt werden müssen. Vielleicht passt dazu auch ein Satz der deutschen Malerin Paula Modersohn-Becker, der Selina Lutz seit ihrer Jugend begleitet: «In mir fühle ich es wie ein leises Gewebe, ein Vibrieren, ein Flügelschlagen.» Genau dieses Vibrieren versucht Selina Lutz in ihrer Kunst sichtbar zu machen. Und vielleicht wird man nach ihrer Rückkehr aus Genua in ihren Bildern etwas davon entdecken: Mehr Bewegung, mehr Luft, mehr Durchzug. Oder einfach eine neue Art zu sehen. Zu Gast in Burgdorf: Sasha Kurmaz Von Juni bis August wird die Kulturfabrik Burgdorf zum Arbeitsort eines Künstlers, dessen Werke weit über klassische Ausstellungsräume hinausreichen. Mit Sasha Kurmaz kommt ein international tätiger Künstler aus Kiew nach Burgdorf – und mit ihm Themen, die aktueller kaum sein könnten. Der 1986 geborene Ukrainer arbeitet interdisziplinär: Fotografie, Video, Installationen, Künstlerbücher oder Eingriffe im öffentlichen Raum gehören ebenso zu seiner Praxis wie kollaborative und performative Arbeiten. Im Zentrum stehen dabei oft gesellschaftliche Spannungen, politische Machtstrukturen und die Frage, wie Menschen unter dem Einfluss von Krieg, Angst und gesellschaftlichem Wandel leben und handeln. Sasha Kurmaz beschäftigt sich seit Jahren mit den Veränderungen der ukrainischen Gesellschaft. Seine Arbeiten sind keine schnellen Kommentare zum Zeitgeschehen, sondern vielschichtige Beobachtungen über Erinnerung, Trauma und Identität. Dabei interessiert ihn besonders, wie sich Konflikte in den Alltag einschreiben. Während seines Aufenthalts in Burgdorf möchte Sasha Kurmaz an einem Langzeitprojekt weiterarbeiten, das sich mit den Auswirkungen des Krieges auf das soziale Leben auseinandersetzt. Grundlage dafür bilden persönliche Archive, Fotografien und Materialien, die er in den vergangenen Jahren gesammelt hat. Geplant ist eine Serie von Collagen und ein künstlerischer Essay, der sich mit Manipulation, Wahrnehmung und menschlichem Verhalten beschäftigt. Dass ein solcher Künstler während mehrerer Monate in Burgdorf lebt und arbeitet, ist auch für die Kulturfabrik ein besonderer Moment. Das Artist-in-Residence-Programm bringt seit Jahren internationale Positionen nach Burgdorf und ermöglicht Begegnungen, die sonst kaum zustande kämen – zwischen Kunstschaffenden, Stadt und Publikum. Für Sasha Kurmaz dürfte dabei gerade der Kontrast spannend sein: hier die Ruhe einer Emmentaler Kleinstadt, dort die Erfahrungen eines Landes im Ausnahmezustand. Vielleicht entsteht genau aus dieser Distanz ein neuer Blick auf die Gegenwart. Und vielleicht zeigt sich gerade in Burgdorf, wie sehr Kunst helfen kann, komplexe Wirklichkeiten sichtbar zu machen.

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