Burgdorfer StadtMAGAZIN Nr. 02 - Sommer 2026

25 und Bern beschreibt sie liebevoll, aber auch kritisch als gemütlich und träge. «Das Gewicht des Sandsteins», nennt sie es. Ein poetisches Bild. Und doch steckt darin auch eine gewisse Unruhe. Denn viele Kunstschaffende verlassen Bern nach dem Studium oder den ersten Erfolgen. Selina Lutz hingegen blieb. Nicht aus Bequemlichkeit, sondern weil sie die Szene aktiv mitgestaltet. Sie gründete ein Künstlerhaus mit, arbeitet an inklusiven Kunstprojekten, leitet den Berner Offspace «Milieu» mit und engagiert sich in der kantonalen Kunstkommission. Kunst ist für sie nicht nur Atelierarbeit, sondern auch Austausch, Verantwortung und Bewegung. Zeichnen als eine Form des Sehens Wer versucht, Selina Lutz’ Arbeiten zu beschreiben und einzuordnen, scheitert ziemlich schnell. Ihre Bilder bewegen sich zwischen Zeichnung und Malerei, Erinnerung und Beobachtung, Gegenständlichkeit und Auflösung. Sie selbst spricht lieber von einer Art «Übersetzung». Etwas Wahrgenommenes oder Gespeichertes taucht in anderer Form wieder auf. Alte Erinnerungen mischen sich mit neuen Eindrücken. Vergessene Skizzen kehren plötzlich zurück. Nicht als Wiederholung, sondern als «Bestätigung», wie sie sagt. Interessant ist dabei ihre Offenheit gegenüber dem Zufälligen. Früher habe sie Angst vor Beliebigkeit gehabt. Heute reize sie genau das. Das Nebensächliche. Das Alltägliche. Das vermeintlich Unwichtige. Vielleicht liegt gerade darin die besondere Kraft ihrer Arbeiten: Sie versuchen nicht, die Welt zu erklären. Sie machen sie durchlässiger. «Ich möchte weiter üben, möglichst offen zu bleiben», sagt sie. Ihre Bilder entstehen deshalb oft im Spannungsfeld zwischen Kontrolle und Kontrollverlust. Sie arbeitet bewusst mit zu langen Pinseln oder zu grossen Stiften, um sich selbst auszutricksen. Um das Geplante wieder zu verlieren. «Lernen, verlernen, lernen», nennt sie das. Genua als Gegenbewegung Bereits die Zugfahrt nach Genua würde etwas in ihr verändern, erzählt Selina Lutz. Das Denken verschiebe sich. Der Blick werde wacher. In Genua möchte sie bewusst anders sehen lernen. Die Hafenstadt erscheint dabei fast wie ein Gegenentwurf zum vertrauten Alltag in Burgdorf und Bern: laut, dicht, bewegt, voller Geschichte und Reibung. Genau das reizt sie: «Ich merke, wie viel Zeit ich damit verbringe, Dinge nicht zu sehen, obwohl ich sie sehe.» In Genua soll daraus ein visuelles Journal entstehen. Eine Sammlung von Beobachtungen, langsamen Bilder und flüchtigen Momenten. Der Arbeitstitel des Projekts lautet: «Wir sehen uns». Der Satz funktioniert gleichzeitig als Gruss, Erinnerung und Einladung. Dinge schauen zurück. Gegenstände entwickeln ein Eigenleben. Zeichnen wird zum Zeugnis der eigenen Wahrnehmung. Besonders fasziniert sie der berühmte Friedhof Cimitero Monumentale di Staglieno. Dort begegnen sich Grabskulpturen, Katzen, Touristen, Trauernde und Schattenzonen des Alltags. Bewegung und Stillstand überlagern sich. Selina Lutz interessiert dabei weniger das Spektakuläre als das Dazwischen. Ein leerer Stuhl kann für sie eine ganze Geschichte erzählen. Ein Schatten verrät die «Ich möchte in Genua eine Bildsprache finden, mit der ich flüchtige Momente festhalten kann.» Selina Lutz, Künstlerin hnsucht

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