24 Die Künstlerin Selina Lutz interessiert sich nicht für das Laute oder Spektakuläre. Ihr Blick gilt dem Flüchtigen, dem Alltäglichen und jenen Momenten, die im hektischen Alltag oft übersehen werden. In einem Auslandatelier in Genua will sie diesem Sehen nun noch konsequenter nachgehen: mit offenen Augen, Zeit und möglichst wenig Ablenkung. Manchmal «ruft» ein Gegenstand – nicht laut, eher beiläufig. Ein Stück Plastik vielleicht, eine Falte im Stoff, ein Schatten auf einem Beutel, ein leerer Stuhl. Für die Künstlerin Selina Lutz sind solche Dinge keine Nebensächlichkeiten. Sie sind mögliche Bilder, Spuren, Auslöser. «Spiel mit mir», scheinen sie ihr zuzurufen, wenn sie auf dem Weg zu ihrem Atelier in der Burgdorfer Kulturfabrik unterwegs ist. Wer sich mit Selina Lutz befasst, merkt schnell: Hier denkt jemand nicht in Kategorien, nicht in richtig oder falsch, geplant oder intuitiv, wichtig oder unwichtig. Ihre Kunst entsteht irgendwo dazwischen. Im Übergang. Im tastenden Beobachten. Vielleicht gerade deshalb wirken ihre Arbeiten gleichzeitig körperlich, verletzlich, geheimnisvoll und unmittelbar präsent. 2026 wird Selina Lutz für drei Monate das Ausland– atelier der der Städtekonferenz Kultur (eine Konferenz des Schweizerischen Städteverbands) SKK in Genua beziehen. Für Kunstschaffende aus der ganzen Schweiz gilt dies als besondere Möglichkeit, für einige Monate ganz in die eigene Arbeit einzutauchen. Für Selina Lutz selbst scheint der Aufenthalt jedoch weit mehr zu sein als ein Ortswechsel. Eher eine bewusste Verschiebung des Blicks. Oder, wie sie selbst sagt: «Nicht ankommen, sondern erst fündig werden.» Burgdorf als Gegenpol Selina Lutz lebt und arbeitet zwischen Bern und Burgdorf. Während Bern ihr kulturelles Netzwerk bildet, scheint Burgdorf für sie eine andere Qualität zu besitzen: eine Art offene Zwischenwelt zwischen Atelier, Landschaft und Alltag. Sie spricht von Spaziergängen durch Felder und Wälder. Vom Schwimmbad. Von der Gärtnerei. Vom Lieblings-Tearoom in der Oberstadt. Von gutem Käse. Fast beiläufig entsteht dabei das Bild einer Künstlerin, die ihre Umgebung nicht bloss konsumiert, sondern regelrecht einsammelt. Die Kulturfabrik bietet ihr dabei offensichtlich genau den richtigen Rahmen. Einen Ort, an dem ausprobiert werden darf. Wo nicht jede Idee sofort funktionieren muss und wo Spiel möglich bleibt. «Neben meiner Arbeit im Atelier bleibt oft Raum für dieses Spielerische», sagt sie. Gleichzeitig scheint Selina Lutz die Trägheit kleiner Städte durchaus bewusst wahrzunehmen. Burgdorf Selina Lutz Zwischen Sandstein und Sehn
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