23 innerer Widerstand, die Schweiz als ihr neues Zuhause zu akzeptieren», erklärt Roger Hess. Gleichzeitig fehle oft die Sprache, um Gefühle überhaupt ausdrücken zu können. «Wie sollen sie über persönliche Probleme sprechen, wenn ihnen das Werkzeug dafür fehlt?» Um den Jugendlichen Halt zu geben, setzt der Unterricht auf klare Strukturen. Jeder Tag folgt dabei einem festen Ablauf, Regeln sind verbindlich, Handys liegen stumm geschaltet in einer Kiste. Pünktlichkeit, Integrationsbereitschaft, Einsatz, Höflichkeit und Teamfähigkeit werden vorausgesetzt, die Jugendlichen damit aktiv animiert ihre Verantwortung der Gruppe gegenüber wahrzunehmen. Innerhalb der Klasse herrscht grosse Solidarität. Das pädagogische Fundament trägt seit Jahren derselbe Satz, der vorne an der Wandtafel steht: «Lerne es selber zu tun.» Ein Gedanke von Maria Montessori, der im RIK+ konsequent umgesetzt wird. Die Jugendlichen arbeiten weitgehend individualisiert. Jede Woche erhalten sie neue persönliche Lernziele. Wer schneller vorankommt, arbeitet weiter. Wer länger braucht, erhält Unterstützung. Entscheidend ist nicht das Tempo, sondern das Verständnis. «Meine Aufgabe ist es, zu begleiten und den Lernweg zu unterstützen», sagt Roger Hess. Tatsächlich ist er während des Unterrichts permanent unterwegs. Kaum hat er einer Schülerin beim Textverständnis geholfen, wartet bereits der nächste Jugendliche mit einer Frage zur Grammatik. Dazwischen korrigiert er Arbeiten und bereitet individuelle Programme für die nächste Woche vor. Ein permanenter Spagat. Trotzdem wirkt der Unterricht erstaunlich ruhig. Vielleicht gerade deshalb, weil hier niemand dauernd mithalten oder besser sein muss als die anderen. Professor Alexander Wettstein, der sich seit Jahren mit Stressforschung beschäftigt, bezeichnete den Kurs anlässlich seines Unterrichtsbesuches als «Vorzeigebeispiel für stressfreien, aber klar strukturierten Unterricht mit wenig Störungen». Dass dies funktioniert, liegt neben der engen Begleitung durch die Lehrperson auch daran, dass stressfördernde Faktoren wie das Fachlehrersystem, der starre 45-Minuten-Takt oder Selektionsdruck wegfallen – und natürlich an der überschaubaren Klassengrösse. Maximal zwölf Jugendliche besuchen den Kurs gleichzeitig. Die Kursdauer ist maximal auf zwei Jahre begrenzt. Ziel ist immer ein Anschluss: eine Berufsvorbereitung, eine weiterführende Schule, eine Lehrstelle oder bei den Jüngeren die Integration in die reguläre Volksschule. In der Öffentlichkeit kaum wahrgenommen Die erstaunlichen Lernwege der Jugendlichen zeigen, dass der Ansatz des Unterrichts funktioniert. Die meisten wechseln später in ein berufsvorbereitendes Schuljahr. Einige treten direkt eine Lehre an. Eine Jugendliche aus Brasilien schaffte sogar den direkten Übertritt ans Gymnasium. Und dennoch bleibt ein Widerspruch bestehen: Obwohl Integration das zentrale Ziel des Programms ist, findet der Unterricht weitgehend abgeschottet statt. Der Kursraum liegt versteckt im Untergeschoss des BZ Emme. Kontakte zur «normalen» Oberstufe entstehen nicht. «Wir führen ein Schattendasein und werden in der Öffentlichkeit kaum wahrgenommen», sagt Roger Hess. Hinzu kommt die soziale Isolation vieler Jugendlicher. Nach dem Unterricht bleiben sie häufig unter sich. Nicht aus Absicht, sondern weil Sprache, Geld oder fehlende Kontakte Grenzen setzen. Der Zugang zu einem Sportverein oder anderen Freizeitangeboten wäre wichtig, scheitert aber manchmal bereits an den Kosten. Dabei zeigt gerade der Besuch im RIK+, wie entscheidend Sprache für Integration ist. Wer Deutsch versteht, kann Beziehungen aufbauen, mitreden, dazugehören. Sprache öffnet die Tür zur Schule, zur Arbeitswelt und letztlich zur Gesellschaft. ur Zukunft
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